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Wüste verleih' Stimme dem Suchenden …
 
 
 




Götter wandelten einst …


eingestellt am 27. April 2008
in Hörbeispiele,Weltliteratur


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An Diotima
 
Götter wandelten einst bei Menschen, die herrlichen Musen
und der Jüngling, Apoll, heilend, begeisternd wie du.

Und du bist mir, wie sie, als hätte der Seligen Einer
mich ins Leben gesandt, geh ich, es wandelt das Bild
meiner Heldin mit mir, wo ich duld und bilde, mit Liebe
bis in den Tod, denn dies lernt ich und hab ich von ihr.

Laß uns leben, o du, mit der ich leide, mit der ich
innig und gläubig und treu ringe nach schönerer Zeit.

Sind doch wirs! Und wüßten sie noch in kommenden Jahren
von uns beiden, wenn einst wieder der Genius gilt,
sprächen sie: es schufen sich einst die Einsamen liebend
nur von Göttern gekannt ihre geheimere Welt.

Denn die Sterbliches nur besorgt, es empfangt sie die Erde,
aber näher zum Licht wandern, zum Aether hinauf
sie, die inniger Liebe treu, und göttlichem Geiste
hoffend und duldend und still über das Schicksal gesiegt.

 

 


Persönlicher Nachtrag
Moralische Konflikte stellen sich bei mir in diesem Gedicht trotzdem ein, zumal Hölderlin dieses Gedicht Susette Gontard, einer verheirateten Frau und seine Geliebte zugleich, widmete.


©Ralph Schumacher
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Gutenbergs Vermächtnis


eingestellt am 23. April 2008
in Kapitel VII.,Mnemosynes Geleit


Schattengestalt der Schrift

 
Ist’s nicht der Geist, der beseelt, der gedruckte Buchstabe aber,
der in erstarrten Konturen leblos dem Auge sich stellet?

Findet Empfindung im glüh’nden Geist des Phantasten nicht mehr
Beheimatung als in der kühlen Fürstengruft nüchternbedruckter Seiten?

Ist nicht in freieren Sphären des menschlichen Geistes
der von irdischen Banden gelöste Gedanke von höherem
Gut, indessen die Niederschrift jenes musengewirkten
Gotthauchs zu niederem Adel entwürdigt?

In Lettern gepresst, ins enge Korsett der Sprachgewalt!
Oh leid’ges Tintengekleckse,
das des entfesselten Geistes Allmacht die Schwingen gestutzt hat!

Selbst pathetisches Dichtungswerk gleicht „kristall’ner Karaffe“,
das den süßen Gehalt des heiligen Herzensgefäßes
nicht zu fassen vermag.

Wie der Gießbach mit brausender Urgewalt sich vom Gebirge stürzt,
dann springend ins Tale sich schlängelt,
um gemächlich als ebener Strom das Gefild zu durchkreuzen,

so ähnlich büßet der einst dem Geistquell entbrauste Gedanke
doch an himmlischer Macht und Kraftfülle ein, wenn
er des Geistes Refugium durch die ehernen Pforten
treulos verlässt, hinabströmt ins geschriebene Wort und
ird’sche, gezähmte Züge erleidet in der Ordnung Begrenzung.

Da der mildherbe Wildwuchs der Geistesblüten sich nimmer
im vollsten Duftumfang in der Schrift offenbart, so erzeigt er
sich auf der Herzensflur ungepflücket doch weitaus
edler, prächtiger, als im gebundenen Wortstrauß in kostbarer Vase.

 

23ter April 1827,  Scardanelli *    


©Ralph Schumacher
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I. Traum und Wirklichkeit


eingestellt am 19. April 2008
in Kapitel I.,Mnemosynes Geleit


Die Wirklichkeit des Scheins

 
Ist denn die Wirklichkeit nicht erdacht,
eine Dichtung unseres Geistes,
die sich in einer Welt der Erscheinungen
aus dem Reiz der Sinne nährt?

Ohne Zweifel ist die Traumwelt erdacht,
die in lebhafter Phantasie erblüht
und dort sich duftend offenbart.

 
Beide Sphären sind daher gleichen Ursprungs,
dem der Dichtung.

Und wie ein Geschwisterpaar
reichen das Wahre und Traumbild sich treu die Hände,
vereinigen sich wie zwei Flüsse es tun:

Rauschend’ Verlangen:
Mit strömendem Eifer hinstrebend
und einend still sich ergeben
sodann ins unendliche Meer.

 
Traumwelt ist daher Wirklichkeit.

Greife nach ihr!

Und sei gewiss:
Sie empfängt dich.


©Ralph Schumacher
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