Die Modellierung des Unfassbaren
 Hephästos, der Götterschmied
Hochgepriesenes Griechenland du, das längst dem Bewusstsein
uns’rer ernüchternden Tage entschwunden, zeugtest die einsten
Helden antiker Vorwelt, die allzeit verehrten. Auf deinem
Amboss stählte die Gottheit mit wuchtigem Hammer den Heros,
schmiedete funkenentfahrend und makeltilgend den göttlichen Streiter.
Wohl dem Erdensohn, der vom Götterschmied selbst, von Hephästos,
auf den Amboss gezerrt wahre Vollendung erlangt.
Fest im Zangengriff nimmt der Meister das glühende Eisen
vom kohlebeschürten Glutherd
und rückt es gefügig auf des Ambosses ebener Fläche zurecht.
Donnergleich fährt des Hammerschwungs Allmacht danieder und
zwingt das erweichte Metall zur vollendenden Form.
Abgeschreckt im Wasserbad
taucht aus der Flut es empor
und erfreuet den prüfenden Blick.
So füllt sich mit allerlei Schmiedwerk,
mit allerlei kostbarem Kriegsgerät
die Waffenkammer der Götter.
Allen voran preis’ ich Herakles, gehärtete Spitze des sühnenden Pfeils, der siegesbeflügelt und zielgewiss im Gigantenkampf, die ent-
scheidende Wende herbeiführte, den himmlischen Göttern zugunsten.
Siegreicher Kriegsheld,
in dir einst verklärte sich, nahm Gestaltung
der schaffende Wille und formte das Göttliche
mit dem Hammer allwaltenden Schicksals.
Auch Achilles durchlief des Götterschmieds heimliche Werkstatt,
war in der Griechen Armee der nie fehlende Speer zu den Mauern Trojas,
durfte sich rühmlich erzeigen, bevor ihn am skäischen Tor des
Paris’ verderblich’ Geschoss und damit sein Unheil ereilte.
Siegreicher Kriegsheld auch du!
Groß war dein furchtloser Kampfesmut, nicht minder deine Verheißung.
So empfing dein sterbliches Haupt der Unsterblichkeit Krone!
Wunderwerke vollbrachte der Schmied in geschäftigter Kammer.
Durch seiner Hände Tat verlieh er der Vorstellung selbst, dem
Reich kühner Träume, feste Natur in fassbaren Zügen.
Half er doch einst auch mit spaltender Axt dem Zeus bei der Kopfge-
burt der Athene, die in voller Rüstung Erstand’ne.
 Pygmalion
So auch begab sich Pygmalion in seine Werkstatt.
Als begnadeter Bildhauer auf dem Inselreich Zypern
mehrte er reich die Tempel mit ehrfurchtgebietenden Götterstatuen,
gab Erscheinung der himmlischen Macht,
die seit jeher dem menschlichen Aug’ sich entzog
und nur sich dem demüt’gen Herz offenbarte.
Diesem Betreben nun folgend gedachte der Künstler edlem Verlangen
gleichsam ein Weib zu erschaffen aus glänzendem Marmor, denn schmerzlich
war die Enttäuschung, die erlittene, von den Frauen gewesen,
dass er nunmehr aus dem Gesteine weibliches Antlitz
still sich erhoffte, wie’s ihm im Traume oftmalig schwärmte.
Wohl war der kühne Entschluss nun gefasst,
wohl führte nun der Meister geduldig den Meißel
und formte mit stiller Schöpferbetrachtung
aus dem Steine das werdende Bild andächt’ger Versenkung …
Und siehe, alles geriet wohl unter schaffender Hand:
Rein wie des Vollmondes schimmerndes Haupt am bestirnten Gewölbe
prangte die schönbleiche Stirn und strahlte ins trunkene Aug’ ihm.
Milder Silberschein floss über der Wangen erhab’nes Gefilde,
wo ein lieblicher Flor seinen Zauber verströmte.
Vom Abglanz betört,
nahte die Mondgöttin selbst und Abendtau kühle entatmend,
koste mit dunstigem Hauch sie lustvoll der Brüste Opal.
Und der leblose Stein erwachte zum Leben.
Blühend entfächterte sich nun das Auge, die bisher verschloss’ne
Knospe. Liebestoll zuckte die zarte Braue und schmückte
gleich dem Rosengerank das Tor zur sichtbaren Welt. Der
niederstreichende Wimpernschlag fächelte mild ambrosische Brise
und windete keusch mit goldsträhner Pracht des Eros‘ genesendes Heil.
Oh welches Antlitz, wahres Elysium weiblicher Anmut
du! Aus deiner Lippen liebrauschendem Quell
sprudelte hell ihm kristallene Macht und wogte als wallender Segensstrom
munter im Rudel graziler Gelüste
und schwemmte Pygmalions trockenes Tal
fruchtlosen Sehnens mit paradiesischer Flut.

Wundertätig war einst des Bildhauers Meißel,
der vom Wunschbild geführt, vom Verlangen getrieben,
dem Gedanken in der Statur feste Gestaltung verlieh
und durch Himmelsgeschick Empfindung erlangte.
23ter November 1827, Scardanelli *
©Ralph Schumacher
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