Veranstaltung Migrantenkinder in unserem monokulturellen Schulsystem
Dozentin Dr. Dietrich
Referenten Bianca Drescher, Sebastian Beilharz und Ralph Schumacher


Interkulterelle Pädagogik



Fremdheit als Konstruktion





Kreis oder Kreislinie?
Striche oder Dreieck?

Stets ist das Gehirn bestrebt, Ganzheiten hervorzubringen.




"Sicht"-Weisen eines U-Bootsteuermannes anhand von Messgeräten


Die Realität wirkt nicht wie eine 1:1-Abbildung eines Fotoapparates, sondern die Wahrnehmung wird in ihrer neuronalen "Übersetzung" durch begleitende Gefühle bewertet, und zwar so, dass die Datenauswertung "plausibel" erscheint.

Es ist ein konstruktiver, höchst subjektiver Vorgang, bei dem es darum geht, in sich stimmige "Ganzheiten"  hervorzubringen.


Vollmond

Ambivalenz zwischen Angst und Faszination, jeher Triebfeder gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ängste der Menschen : vor Naturgewalten (Blitzschlag --> Blitzableiter), täglicher Überlebungskampf (erschöpftes Nahrungsangebot ---> Ackerbau), Ende der Zeiten (Apokalypse ---> rationales Weltbild)

Faszinationen der Menschen, der Reiz, die Verlockungen des Unbekannten, mit dem Antrieb es zu beherrschen, führten zu Entdeckungen und Eroberungen.





Muster der Deutungen






Fremdheit als Voraussetzung für Eigenheit
Das Fremde wird als faszinierend wahrgenommen, weil es "das Ursprüngliche", "das Spontane" verkörpert, das einem selbst verloren gegangen ist.
Fremdheit wird gedeutet als Entdeckung und Wiedergewinnung des eignenen Ursprungs und des mit dem Fremden gemeinsamen.
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Fremdheit als Gegenbild des Eigenen
Das Fremde dient dazu, die eigenen Schwächen zu kompensieren oder eine identitätsstärkende Haltung einzunehmen.
Das Eigene erscheint jeweils als Gegenbild : Wird die eigene Person/Kultur/Gesellschaft in Bezug auf bestimmte Merkmale als negativ wahrgenommen, erscheint das Fremde als positives Gegenbild.
Siehe auch Werbestrategien für Orientreisen (grauer Alltag vs. "Imagerie des Orients" mit ungezügelter Sinnesfreude)




Fremdheit als eigennützige Ergänzung
Das Andersartige dient als dynamische Kraft, der Bereicherung eigener Entwicklungsdefizite und wird für die eigene Entwicklung "instrumentalisiert", d.h. dinglich gemacht.
Das Fremde wird seiner potenziell beruhigenden Kraft beraubt.

Fremdheit als Komplementarität (wahre Ergänzung)
Das Fremde wie das Eigene wird als Bedingung des anderen wahrgenommen.





Komplizierte Welt vs. Einfachheit durch fundamentalistisches Weltbild

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Bibliotheken warten mit universellem Wissen eines Weltbürgers auf

Differnzierung hat den Preis einer möglichen unüberschaubaren Informationsfülle.


"Minimalkatalog"
Die als vielschichtig, wenn nicht sogar als chaotisch wahrgenommene Welt, lässt sich durch Reduzierung (der Realität) erträglicher gestalten, indem man auf scheinbar "normale" (weil von allen geteilte) Ordnungskategorien zurückgreift, wie z.B. Hautfarbe, Nationalität oder Herkunft, Kultur oder Religion.
Gefahr undifferenzierter, unreflektierter Vorurteile wie z.B. "Stammtischdebatten" mit fehlender Gedankentiefe und favorisierten Pauschaläußerungen.
Daher ist Diskriminierung eine Möglichkeit, sich der Ambivalenz, der Vielfalt des Fremden, durch einfache Denkmuster mit komplexen Sachverhalten zu nähern.
Beispiel : Eine Unterrichtsstörung durch einen 15-jährigen Schüler wird nicht darauf zurückgeführt, dass er gerade von einem purbertären Hormongewitter erfasst wird, sondern darauf, dass er "Türke ist".





Strukturen fundamentalistischer Weltbilder

Diskrimierung ist eine Form, die Ambivalenz, d.h. die Vielfalt, moderner Gesellschaft erträglich zu machen.
Oft will diese Haltung die herausfordernen und möglicherweise die eigene Kompetenz verunsichernden Merkmale des Andern "vernichten" mit Hilfe fundamentalistischer Weltbilder.


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Herrschaft ausüben und Ordnung (wieder)herzustellen
als Möglichkeit, die mannigfaltige Realität "in den Griff zu bekommen" durch "Einheitslehren", Bekämpfung politisch anderen Ideen und Verhaltensweisen. Demokratie und Gesellschaft erscheinen als Ausdruck des Chaos ("Vielköchelei"), Gemeinschaft als identitätsstiftend, um die aus der Spannungs- und Ambivalenzerfahrung resultierende Angst zu binden.



Im Kampf gegen Zustände der "Vermischung" und der Verwischung eindeutiger Grenzen
spiegelt sich der Kampf gegen das als Chaos empfundene eigene Unbewusste.
Alle Formen von Völkermord bzw. "ethnische Säuberung" (Nürnberger Rassengesetze)liegt der Reinheit und Homogenität des Eigenen zugrunde.



Wertende Abgrenzung vom Anderen
Negative Wertung wird kaschiert mit Hilfe der Ideologie der historischen Einzigartigkeit eines Volkes (Juden beim Einzug ins "verheissene Kanaan", Osterweiterung des deutschen Lebensraumes durch eine "Arierrasse").
Mysthische Verklärungen mit der eigenen Identitätsbegründungen aus der Vergangenheit heraus werden eher als stimmig wahrgenommen.



Klare Hierarchie
sichert die Grössen- und Machtfantasien der herrschenden Instanz durch Allgemeingültigkeitsansprüche, nicht selten durch die Vorstellung auserwählt zu sein.
Beispiele : Dikaturen und Sekten.

Angst und Aggression wird durch die Vorstellung eines "höheren Ziels" gebunden und damit ins Unbewusstsein verschoben.
Progagierung von Askese verhilft der Sinnlichkeitsunterdrückung jeder Art, da Sinnlichkeit bei der Herstellung des Gemisches aus Angst, Schuldgefühlen und Unterwerfungsbereitschaft eine entscheidende Rolle spielt.
Klare Grenzlinie zwischen der Sphäre des Eigenen und der des Fremden
ist wichtig, um durch Meidung des Fremden eine Destabilisierung des Selbstbildes nicht zu riskieren.
Die Grenze zwischen Chaos und Ordnung gilt es mit Hilfe der Konstruktionen scharf konturierter Identitäten zu sichern.


Konstruktive Form des Umgangs mit dem Fremden vs angstmotivierter (selbstbilderhaltenden) Fundamentalismus
Interkulturelles Lernen zielt darauf ab, die multikulturelle Vielfalt unserer Gesellschaften und die damit verbundene Ambivalenz mit ihrem Reizangebot als Lernchance zu begreifen.
Wie können oder sollen nun Bildungseinrichtungen mit der zunehmenden Vielfalt der Lebenswelten, mit mileu-, geschlechts- und kulturspezifisch unterschiedlichen Formen der Realitätswahrnehmung und des Lernens umgehen ?

Es gibt zwei grundlegende Positionen

a) universalistischer Ansatz
+ geht von der Geltung kulturübergreifender "Universalien" (z.b. allgemeines Moralsystem) aus
+ behauptet, dass das "essentiell Humane" in allen Menschen präsent ist
- suggeriert "evolutionäre" Entwicklungsstadien/hierarchien und drückt Wertigkeit von Kulturen aus
- universale Prinzipien wirken homogenisierend (normbildend) und bewirken dadurch Abweichung von der Norm und damit Ausgrenzung
bzw. Feststellung von Defiziten


b) kulturrelativistischer Ansatz
+Anerkennung ethnischer Differenz und kultureller Vielfalt
+ Gleichwertigkeit der Kulturen
- Postulat der Gleichwertigkeit kann zu Werterelativismus/Gleich-Gültigkeit ("Verwässerung") und damit zu Handlungsunfähigkeit führen
- Gefahr der Rechtfertigung von Menschenrechtsverletzungen als "kulturell bedingt"


Bezogen auf die Interkulturelle Pädagogik sollte der Aufbau von Identität als ein Prozess von Interaktionen mit unterschiedlichen Interaktionspartnern und widersprüchlichen Handlungsanforderungen aufgefasst werden.
Ein gemeinsamer Orientierungsrahmen erfordert eine Abstimmung der unterschiedlichen Alltagstheorien., sich über neue Bedeutungen zu verständigen, um über ein gemeinsames interkulturelles Alltagswissen verfügen zu können.



Zur Störanfälligkeit interkultureller Kommunikation




Blickkontakt


Türkei
Meidung des Blickkontaktes bedeutet Respekt und Gehorsam

Deutschland
Blickkontakt bedeutet Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit


Körperkontakt


Arabien und Südamerika ( "Kontakt/-Berührungskulturen") vs. Nordeuropa und Japan ("Distanzkulturen")
engeres Zusammenstehen, häufiger Blickkontakt und lauteres Sprechen




Berührung / Begrüssungsrituale


Frankreich
Begrüssungskuss


Sprechpausen


Korea
1.) knappe Äußerungen
2.) keine thematischen Ausschweifungen, private Ausführungen
3.) Rückfragen (des Lehrers) rein rhetorisch (zur Kräftigung seiner Machtposition)



Sozialer Status


Gewisse Berufe bringen gewissen Stellenstatus mit sich
Dementsprechend ist das Verhalten des Gesprächspartners (höflich, zurückhaltend, schweigsam, unterwürfig)


Kulturelle Denkmuster
Im wirtschaftlichen Bereich ( "Zweckrationalität" ) in Industriestaaten
Sachverhalte nüchtern, assoziativ eingekreist

Alltagsgespräche haben eher Unterhaltungscharakter und dienen der Festigung sozialer Strukturen